Unsere Rede zur Flaggenhissung am Vorarlberger Landhaus

Am 26.6.2020 wurde zum ersten Mal eine Regenbogenflagge vor dem Landhaus gehisst. Tom Pfanner vom Verein GoWest hat hierfür eine Rede gehalten, über das Projekt Mission Pride und den Mut sich zu bekennen. 

 

Zu Beginn dieser Rede möchten wir uns eine Frage stellen. Eine Frage, die uns als Community, aber auch Menschen, die mit Symbolen Zeichen setzen, oft gefragt werden. Man fragt uns:

Was soll jetzt das eigentlich?

Oder: Muss das sein?

Was bringt das?

 

Und ich glaube, dass diese Fragen gute Fragen sind.

Ich glaube, wir müssen uns immer wieder fragen, was es für uns heißt, was hinter den Symbolen steht. So ein Symbol kann man als ein Bekenntnis verstehen. So eine Fahne ist also EIN Weg sich zu bekennen. 

 

Foto: Landespressestelle Vorarlberg, Serra
Foto: Landespressestelle Vorarlberg, Serra

 

Aber: Es gibt viele Formen von Bekenntnissen.

Deshalb haben wir letztes Jahr im Verein GoWest ein Projekt mit dem Titel Mission Pride gestartet, in dem wir der Frage nachgegangen sind, was es heißt, sich in Vorarlberg zu bekennen?

Wir sind überzeugt davon, dass es der Mut sich zu bekennen ist, der uns verbindet.

Wir haben viele Geschichten gesammelt, aus Orten wie Fontanella, Krumbach, Röns und all diese Geschichten berühren. Aber vor allem sind es ganz unterschiedliche Geschichten. Wir merken: Sich zu bekennen kann für manche Menschen ganz einfach sein, für andere kann es wahnsinnig schwierig sein.

 

Ich möchte kurz vom Projekt erzählen, um zu zeigen, wie Bekenntnisse sein können.

 

Eine Geschichte ist mir besonders hängen geblieben, und zwar von einem schwulen Paar aus Krumbach, die so ghörig sind, dass wir die erste Stunde nur über Wohnbauförderung gesprochen haben – ich denke, das gibt ein Bild. Sie bauen jetzt ein Haus in Riefensberg. Mich hat die Geschichte so berührt, weil sie einen großen Wunsch nach Zugehörigkeit haben. Weil sie so in dieser Gemeinschaft verankert sind, können sie hinein wirken. Sie können zeigen, wie ähnlich wir uns alle sind. Auf ihrer Hochzeit haben sie ein älteres Paar eingeladen, das erst gar nicht kommen wollte. Als es dann doch gekommen ist, ging es am Schluss auf die beiden zu und meinte: Das war die schönste Hochzeit in unserem ganzen Leben, und danke, dass wir auch so ein Bild von LGBTIQ-Menschen kennenlernen durften.

 

Es gibt aber auch andere Menschen, die vielleicht nicht so viel über Wohnbauförderung sprechen. Menschen, die aus dem Raster fallen. Menschen, die Stereotype von Geschlecht in Frage stellen, sie anders leben, oder auch Beziehungsnormen hinterfragen. Hier merken wir, das es viel Kraft benötigt, denn das sind die Menschen, die im Alltag oft diskriminiert werden. Solche Menschen sind aber wichtig, weil sie uns immer wieder zeigen, was Freiheit eigentlich heißt und dass wir Respekt haben sollten vor Menschen, die zwar anders aber friedlich mit uns leben.

 

Und dann gibt es auch Menschen, die vermeintlich außerhalb der Community sind. Auch wenn sie nicht Teil von uns sind, können sie etwas bewirken. Eine Geschichte, die mich hier besonders berührte, war jene von Theresia Fröwis. Sie ist eine ehemalige ÖVP-Landtagsabgeordnete, die sich damals für die Ehe für alle ausgesprochen hat. Sie hat auf ihre Art eine große Brücke geschlagen. Eltern im ganzen Land haben sich bei ihr gemeldet, manche auch unter Tränen, und meinten, wenn das jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, dann wäre mein Kind noch hier.

 

Die letzte Geschichte, von der ich erzählen mag, hat ganz viel mit dem heutigen Tag hier zu tun. Es ist unsere erste Geschichte von Mission Pride, die Geschichte aus Hörbranz über die erste offizielle Flaggenhissung Vorarlbergs. Sie hat mich an diese Hissung erinnert, denn der Anfang der Aktion hat sehr viel Kraft, auch Protest gebraucht. Dieses Bild, wie Dominik Greißing auf einen Baum gegenüber vom Rathaus klettert, um die Regenbogenfahne sichtbar zu machen, werde ich nie vergessen. Aber was diese Geschichte auch zeigt, und das ist das Wichtige: Am Anfang steht der Widerstand, der Protest. Aber danach kann man ins Gespräch gehen. Genau dieser Dialog macht aus dieser Sache etwas Selbstverständliches.

 

So ähnlich habe ich das beim Land erlebt. Wir waren auch wütend und haben uns mehr erwartet als eine Flagge. Aber dann sind wir ins Gespräch gegangen. Wir haben geklärt, was es zu tun gibt, und wir haben darüber gesprochen, wo die Kompetenzen liegen. Wer kann welche Aufgabe übernehmen? Wir sind zuversichtlich, dass wir zusammen auf einen guten Weg gehen. Und um auf die Frage am Anfang der Rede zurück zu kommen, was diese Fahne für uns heißt. Für heute ist sie ein Symbol für einen Start eines Beteiligungsprozesses.  Ich hoffe, und ich wünsche mir, dass wir nächstes Jahr auch schon Ergebnisse feiern können.

 

Es gibt vielleicht auch einige Menschen, die jetzt sagen: Naja, das ist jetzt aber etwas beschwichtigend, ein bisschen romantisch, da nimmt man jetzt den Wind aus den Segeln. Aber es ist genau das Gegenteil. Wir pusten jetzt Wind in die Segel, wir nehmen volle Fahrt auf, wir gehen das gemeinsam an. Das ist herausfordernd, das ist eine große Verantwortung, die wir alle ernst nehmen müssen.

 

Und abschließend, möchte ich noch etwas über die Vorarlberger LGBTIQ-Community sagen. Ich bin seit 10 Jahren engagiert in der Community, ich bin viel herumgekommen, und etwas, das in Vorarlberg ganz speziell ist, ist der Anspruch etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Ich kenne es aus anderen Städten: Da gibt es den Schwulenverein, den Lesbenverein, den Transverein, und im besten Fall bekriegen sie sich alle. Wir haben einen anderen Anspruch. Man kann jetzt natürlich sagen, dass es an der Notwendigkeit liegt, weil wir so ein kleines Bundesland sind. Aber ich glaube, es ist nicht nur das, ich glaube, es ist eine Haltung.

 

Ich möchte mich bei einer Person bedanken, die genau diese Haltung in den letzten Jahren verkörperte - auch in Zeiten, in denen wir es selbst nicht immer konnten. Das ist Sven Alexander Hofer, der die CSD Bregenz PRIDE organisiert. Vielen Dank für alles was du für uns tust. Diesen Tag heute, haben wir dir zu verdanken.

 

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass wir uns immer wieder fragen, was heißt das für uns, was kann das heißen, und wie können wir wirkungsvolle Bekenntnisse setzen.

 

 

Foto: Landespressestelle Vorarlberg, Serra
Foto: Landespressestelle Vorarlberg, Serra

Eine Diskussion als Premiere

Im Theater Kosmos fand diesen Mittwoch zum ersten Mal eine Podiumsdiskussion zum Thema LGBTIQ (Lesbian, Gay, Bi, Trans, Inter und Queer) und der Landespolitik statt. Der Einladung des Vereins GoWest sind ÖVP, SPÖ, Grüne, NEOS sowie „Der Wandel“ gefolgt. Kurzfristig abgesagt hat die FPÖ.

 

Sensibilisierung und externe Angebote

Homo- und Transphobie findet nach wie vor in verschiedenen Kontexten statt: In der Schule, am Arbeitsplatz, in Landesbehörden oder im öffentlichen Raum. Dabei handelt es sich bei Diskriminierung auch um Situationen, in denen man mit negativen Konsequenzen folgen, wenn man so ist, wie man ist. Im Kontext der Schule stellten Veronika Marte und ihr Kollege Michael Felder (ÖVP) in Frage, ob ein Outing im Jugendalter zwingend notwendig sei, während die anderen Parteien, teils aus eigenen Erfahrungen im Familien- und Freundeskreis, die Verschiebung des Outings als keine Option erachteten. Letztendlich gab es jedoch bei allen Parteien Einigkeit: Einerseits sollen Lehrpersonen für solche Klassensituationen sensibilisiert sein, gleichzeitig seien externe Angebote – wenn diese gewissen Standards entsprechen – hilfreich. Bei Landesbediensteten wäre das Thema Antidiskriminierung bereits Teil des Verwaltungslehrgangs, dennoch halten Koalitionspartner*innen Johannes Rauch (Grüne) sowie Veronika Marte (ÖVP) fest, dass Sensibilisierung ein fortwährender Prozess sei, um den man sich laufend und langfristig kümmern muss.

 

Konkrete Maßnahmen für Trans- und Interpersonen

Wenn Transmenschen eine Personenstandsänderung entsprechend ihrer geschlechtlichen Identität durchführen lassen wollen, sind diese derzeit in Vorarlberg noch von der Gunst der Bezirkshauptmannschaften abhängig. Denn in diesem Falle ist nicht nur ein psychologisches Gutachten erforderlich, die Standesbeamt*innen können in letzter Instanz ein Veto einlegen. Laut Lillian Stromberger (Wandel), selbst Transfrau und mit anderen Transmenschen vernetzt, findet diese Art der Diskriminierung in einigen Fällen statt. Alle Parteien waren sich an diesem Abend einig, dass es hier klare Richtlinien geben muss, und ein psychologisches Gutachten ausreichend sein sollte, um eine Personenstandsänderung vornehmen zu können.

 

Zwischen offenen Zweifeln und pragmatischem Konsens

Weitere Themen wie der rechtlichen Situation für künstliche Befruchtung für Singles oder dem medizinischen Umgang mit intergeschlechtlichen Menschen nach der Geburt wurden mit der notwendigen Tiefe und Zeit verhandelt und auch offene Zweifel geäußert. Bei letzterem Thema habe das Land wenig direkte Möglichkeiten, zumal hier auch eine europäische Lösung gefragt sei, wenn Eltern beispielsweise Eingriffe im Ausland durchführen lassen. Das Gespräch mit der Ärztekammer soll aber gesucht werden. Die Diskussionsrunde war geprägt von einer offenen Atmosphäre, die auch Konsens zwischen den Parteien erlaubte. Neben konkreten Maßnahmen und höheren Fördersummen, die LGBTIQ-Initiativen gewidmet werden könnten, soll in Zukunft der Dialog zwischen Land und Community weitergeführt werden, um aktuelle Themen von LGBTIQ-Menschen zu erkennen und auf Landesebene anzugehen.

 

Podiumsgäste:

Veronika Marte, ÖVP (Joker: Michael Felder)

Martin Staudinger, SPÖ (Joker: Michael Andreas Egger)

Johannes Rauch, Grüne (Joker: Patricia Tschallener)

Sabine Scheffknecht, NEOS (Joker: Dominik Greußing)

Lillian Stromberger, Der Wandel